Donnerstag, 28. Mai 2015

Sommergeschichten

...der Sommer kommt und bringt neue Geschichten mit sich...

Himmel und Erde


Es heißt, dass irgendwann, als Gott und Göttin noch nicht lange ihr Werk vollendet hatten, Himmel und Erde miteinander zu streiten begannen, wer denn in die schönere Farbe gekleidet sei. Der Himmel war natürlich unglaublich stolz auf sein lichtes Blau, das einmal warm und weich, und manchmal drohen und dunkel schimmern konnte. Die Erde hingegen liebte nichts so sehr, wie ihr tausendfältiges Grün. Hin und her ging der Streit, ohne dass Himmel und Erde sich einigen konnten.
Da bat die Erde einmal heimlich die Göttin um Hilfe, dass doch endlich der stolze Himmel einsehe, dass allein sie die Schönere von beiden sei. So ließ denn die Göttin hier und da auf dem grünen Kleid der Erde bunte Blumen sprießen. Hier ein Tupfen Gelb, dort ein Hauch Rosa, ein bisschen Lila, ein wenig Rot und sogar Wolkenweiß!
Grollend musste da der Himmel einsehen, dass nun die Erde tatsächlich in ein herrlicheres Gewand gekleidet war, als er selbst. Nur dass sich die Erde sogar erdreistete, himmelblaue Blumen wachsen zu lassen, gefiel ihm gar nicht – aber was sollte er denn tun?
Überrascht über die neuen Farben der Erde wanderte da der Gott eines Tages über die nun bunten Wiesen. Weil die jungen Blumen so schön waren, wollte er an ihnen richten – doch da! Was kitzelte ihn so in der Nase? Was kribbelte, was stichelte so? Da musste der Gott so herzzerreißend niesen, dass Himmel und Erde erschrocken die Augen zukniffen!
Als die beiden vorsichtig wieder um sich blickten – da erschrak die grün-bunte Erde! Der Himmel hatte lauter leuchtende Spritzer abbekommen! Verschämt wollte der Himmel sich das Gesicht abwischen, doch da lachte der Gott auf.
„Wenn meine Gefährtin tagsüber die Blumen der Erde zum Leuchten bringt, so sollst du, lieber Himmel, von nun an in der Nacht leuchtende Punkte haben!“ Und er nannte sie Sterne.


Ob Himmel und Erde sich von da an wirklich vertrugen und ihr Streite endlich ein Ende gefunden hatte, weiß ich nicht – aber dass es seither Blumen und Sterne gibt, ist erwiesen.